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Meine Mama ist jetzt trocken…..

Jessica….eine Fortsetzung

Marita Claushues

Jessica ist 12 Jahre alt und eines der Kinder, das von Anfang an dabei ist. Dabei in einer Gruppe für Kinder suchtkranker Eltern.

Dass ihre Mutter alkoholkrank ist, weiß sie eigentlich noch nicht so lange. Dass es bei ihr zu Hause anders ist als bei ihren Schulkameraden, das hat sie schon seit der ersten Klasse, eigentlich schon im Kindergarten, festgestellt. Sie wohnt mit ihrer Mutter in einer kleinen Wohnung. Den Vater kennt sie gar nicht, den hat sie auch noch nie gesehen. Zu Hause ist es oft unordentlich, besonders wenn es Mama nicht gut geht. „Nicht gut geht“ sagt sie immer, wenn sie traurig auf dem Sofa liegt und kaum noch aus dem Haus geht. Manchmal schafft sie es nicht einmal, einkaufen zu gehen. Das macht Jessica dann.Alkohol trinkt die Mama jetzt schon länger nicht mehr. Sie hat eine Therapie gemacht, in der Zeit war Jessica dann bei der Oma. Da geht es einigermaßen normal zu. Zumindest hat die Oma immer warmes Essen, wenn Jessica aus der Schule kommt. Trotzdem hat sie sich total gefreut, als die Mama wieder zurückkam. Jetzt wird alles gut, hatte sie gedacht. Na, ja, alles ist nicht gut geworden. Sie sind wieder zusammen in die alte Wohnung gezogen. Die Mama trinkt zwar keinen Alkohol mehr, trocken ist sie, sagt sie, aber traurig auf dem Sofa liegt sie trotzdem immer wieder. Und dann schafft sie es auch nicht, aufzuräumen oder einzukaufen. Jessica hat dann auch immer Angst, dass sie wieder anfängt zu trinken.
Wenigstens kann sie jetzt mal eine Schulfreundin einladen, der erzählt sie jetzt einfach, dass ihre Mutter trockene Alkoholikerin ist und dass sie Depressionen hat und erklärt, dass dies eine psychische Erkrankung ist. Das hätte sie sich früher nie getraut. Auch heute hat sie beim Reden über ihre Mutter Herzklopfen, aber wenn sie dann merkt, dass die Freundinnen sie dann gar nicht doof oder so finden, sondern manchmal sogar noch netter sind, dann tut ihr das sehr gut. Früher hatte sie immer Angst, dass die der Mama begegnen, wenn sie dann was getrunken hat. Das hätte man gleich gemerkt. Viel hat sie dann geredet und komisch gerochen auch. Jessica war das immer furchtbar peinlich. Niemandem hat sie davon erzählt. Am liebsten hätte sie sich dann versteckt und wäre dann nie wieder aufgetaucht. So wie die Mama halt, wenn sie auf dem Sofa liegt.

Früher ist sie sogar mal auf einen Geburtstag eingeladen gewesen. Das war noch in der Grundschule. Eine sehr schöne Geburtstagsfeier sogar. Mit Kuchen und Süßigkeiten und vielen Spielen. Nachher war sie richtig traurig. Nicht weil es keinen Spaß gemacht hat, sondern weil sie so richtig gemerkt hat, dass sie selbst niemals so eine Feier haben wird. Nicht auszudenken, wenn die Kinder aus der Schule oder deren Eltern auf die Mama getroffen wären. Man konnte sich nie sicher sein, ob sie gut oder schlecht drauf war, ob sie getrunken hat oder nicht. Also lieber erst dann gar keine Kinder einladen. Weil ihrer Mutter sowas auch zu viel ist. Auch heute noch. Jetzt feiert sie ihren Geburtstag immer mit den Freundinnen aus der Kisel Gruppe. Da gibt es dann immer selbstgebackenen Kuchen und Luftballons und Spiele und sogar ein kleines Geschenk. Und erzählen braucht sie gar nicht mehr von zu Hause, weil alle Kinder wissen, dass ihre Mutter Alkoholikerin ist, dass es zu Hause oft chaotisch zugeht und sie oft Angst hat, dass ihre Mutter wieder anfängt zu trinken. Peinlich ist ihr das schon lange nicht mehr, den anderen Kindern geht es ja genauso. Und sie hat gelernt, dass sie nichts dafür kann und es nicht ihre Schuld ist. Das war nicht so einfach. Auch heute denkt sie manchmal, dass es ihrer Mutter schlecht geht, weil sie Jessica als Tochter hat. Aber die Gruppe hilft ihr dabei, diese blöden Gedanken genau zu betrachten und dann zu sehen, dass es wirklich nicht an ihr liegen kann.

Die Mama kommt auch zu Gesprächen. Nicht in die Gruppe, sondern mit der Leiterin. Mit der kann sie dann besprechen, wenn sie, wie sie sagt, Stress mit Jessica hat. Soll sie ruhig, besser darüber reden, als wenn man alles ausbaden muss und immer der „Buhmann“ ist. Manchmal ist sie bei solchen Gesprächen auch dabei, anfangs war ihr das superpeinlich, mittlerweile hat sie gemerkt, dass die Stimmung nachher viel besser ist und sie die Mama und die Mama Jessica oft besser versteht.In den Sportverein geht sie jetzt auch. Handball. Da kann sie sich richtig auspowern. Rennen bis das Wasser runterläuft. Auf einem Turnier war sie sogar auch schon. Da waren ganz viele andere Kinder aus fremden Städten. Bald wird sie in der Mädchenmannschaft spielen. Dann ist sie oft unterwegs am Wochenende. Aber das ist genau richtig für sie. Sie mag ihre Mutter sehr, aber besser geht es ihr, wenn sie nicht so oft zu Hause ist. In der Schule strengt sie sich jetzt an. Sie will unbedingt einen guten Schulabschluss schaffen und eine Ausbildung machen. Am liebsten Erzieherin oder sowas. Nur Alkohol trinken will sie nie, und wenn dann nur ein kleines bisschen, zu Silvester oder so.